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KeyNote: Maike Mia Höhne – „Weiße Fahnen sieht man besser“
Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Campus Weißenhof: Bildhauerbau, Raum 139
„Weiße Fahnen sieht man besser –
oder dem Standpunkt der Aufnahme einen beweglichen Raum & der Kurzen Form den Blick geschenkt.“
1980 drehte das Kollektiv „Videoladen Zürich“ die Häuser- und Straßenkämpfe in der Stadt. Aus dem Material wurde der Film „ZÜRI BRÄNNT“. Das Kollektiv reflektiert später den Arbeitsprozess und formuliert: „Der Standpunkt einer Aufnahme ist bereits eine Stellungnahme zur Sache.“ Dieser Gedanke gilt für politisch aufgeladene und prekäre Situationen genauso wie für die Momente der Stille und Kontemplation. Mit der Kamera wird nicht nur die Blickachse festgelegt, sondern und vor allem Stellung bezogen – alter Hut und trotzdem und gerade deswegen immer wieder wichtig, sich vor Augen zu führen.
Vor Augen geführt, hochgezogen, neu gedacht, Unruhe erzeugt. Larissa Sansour hisst 2009 die palästinensiche Flagge auf den Mond. Das Künstlerduo Wermke/Leinkauf klettert 2014 auf die Brooklyn Bridge um zwei weiße Fahnen ebendort zu platzieren. Der Künstler Ulu Braun nimmt uns mit auf eine Reise in den deutschen Wald um am Ende den Kniefall vor der Bundeskanzlerin zu proben. Festivals bilden künstlerische Strategien ab. Das Unmögliche versuchen. Grenzmarken zu respektieren und gelassen weitergehen. Filmische Regelwerke erkennen und erweitern. Neue Kinematographien auch viele Jahre nach Erfindung derselben gelassen der Welt präsentieren. Getrude Steins Diktum gilt: „Ich habe gesagt, das es die Aufgabe des Künstlers ist, Spannung zu erzeugen und es ist seine Aufgabe und wenn er ein Künstler ist ist alles was er tut wirklich tut wirklich spannend. Mit spannend meine ich daß es bei Ihnen wirklich etwas auslöst wirklich in Ihnen.“
Die Form der Spannung ist variabel. Im Spannungsraum von Zuschauerraum und Leinwand- egal, ob der Raum weiß oder schwarz ist – wird Bewegtbild beweglich. Dafür muss die Arbeit nicht vor den Raum getragen werden- es ist der Raum selber, der die Bewegung erzeugt, der der Unruhe die Form gibt. Die Form entlässt die Unruhe ins Außen. Das Festival ist Multiplikator dieser Unruhe. Das Aushalten der Unruhe ist seine Daseinsberechtigung. Die Berlinale ist eines der weltweit wichtigsten Festivals. Ein Blick auf Unruhe, Standpunkte und ein Heute.
Maike Mia Höhne, geboren 1971 in Hannover, ist eine deutsche Filmemacherin und Kuratorin der Berlinale Shorts der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Sie studierte von 1994 bis 1999 Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, an der Escuela de Bellas Artes in Havanna sowie der Escuela Internacional de Cine y Televisión in San Antonio de los Baños, Kuba. Nach einem Arbeitsaufenthalt in Buenos Aires absolvierte sie an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg ein Aufbaustudium mit Schwerpunkt Film.
Sie arbeitet sie als Kuratorin, Produzentin, Dozentin, und Regisseurin. 2014 feierte ihr unabhängig produzierter Spielfilm 3/4 Premiere. Ihre Filme werden von Arsenal – Institut für Film und Videokunst e.V. und der Kurzfilmagentur Hamburg vertrieben. Für das Kurzfilmmagazin „Kurzschluss“ von Arte produziert sie Beiträge. Sie hat Hochschule für bildende Künste verschiedene Lehraufträge für den experimentellen Film gegeben. Seit 2007 ist sie Kuratorin und Leiterin der Kurzfilmsektion Berlinale Shorts der Berlinale. Maike Mia Höhne ist Mutter von zwei Kindern und lebt in Hamburg und Berlin.